Seiten

Language (work in progress)

Dienstag, 6. Dezember 2016

Eine Tür zum Abschließen, mehr nicht

Es begann mit den Fotos von den Maßnahmen zur Umgestaltung und Ausstattung der Turnhallen zu Flüchtlingsunterkünften und einem recht naiven Anruf bei der Stadt Leipzig, ob eins nicht auch für einen begrenzten Zeitraum, etwa vier Wochen oder drei Monate, Menschen bei sich aufnehmen könne. Selbst ein Sofa im Wohnzimmer biete mehr Privatsphäre und würdige Unterbringung als eine Pritsche in einer Halle. Ich wurde verwiesen an die Zuständigen im Land und dort dann abgewiesen mit meinem "absurden Vorschlag."

Dann war ich bei den Anfängen der Deutschkurse, die die Villa anbietet, dabei, kann aber gesundheitlich keinen Verlass bieten bei regelmäßigen Sprachkursen zu bestimmten Zeiten. Die Kurse gibt es immer noch, es hat sich ein breites und unterschiedliches Angebot entwickelt, Reinschauen und Mitmachen lohnt sich auf jeden Fall.
Als ich von der Flüchtlingswohnungen-Initiative hörte, die auf der Suche nach Wohnungspatinnen war, meldete ich mich dort und kam so im November zu meiner ersten Wohnungspatenschaft. Die Initiative heißt heute Kontaktstelle Wohnen und hat ein Büro in der Georg-Schwarz-Str. 19 und sucht immer nach Menschen, die sich engagieren wollen und Geflüchtete bei der Wohnungssuche unterstützen.

Ich bin selbst schon achtmal umgezogen, habe Freunde bei der Wohnungssuche unterstützt, die Sache ist mir also nicht ganz neu. Die Art und vor allem Ausdrucksweise der Ablehnung von Maklerinnen, Hausverwaltungen und Vermieterinnen allerdings schon. Bei 20-30 Anrufen ist etwa ein Termin dabei.

Es gibt fast nur zwei Gründe für Ablehnungen - und hier geht es nur um Besichtigungstermine für Wohnungen die KDU-konform, also vom Jobcenter als angemessen angesehen und bezahlt werden - und diese sind: Kein Jobcenter. Keine Ausländer.

Die sollen sich erstmal Arbeit suchen. Zurück in den Busch. Lieber ihr Land verteidigen. Wie die hier dann wohl hausen und ähnliche Aussagen sind eine Seite.
Freundliche Maklerinnen, die sich entschuldigen und erklären, die Eigentümer verweigern Ausländerinnen oder alle Interessentinnen, die auf ALG 2 angewiesen seien, eine Weitere.
Ohne die, die zwar meist erst besorgt sind, besonders wegen der Sprachbarriere, sich dann aber entspannen, denn für die Überbrückung bin ich ja von Besichtigung bis Mietvertrag und darüber hinaus da, würde ich überhaupt keine Wohnungen finden.
Leider ist Ablehnung die Regel, häufig sehr offen und mit Hass und Verachtung ausgedrückt. Ausnahmen dagegen sind zum Beispiel der Makler, der versuchte, den Hauseigentümer umzustimmen und u. a. ein Provisionsverzicht anbot, was aber leider auch nichts geändert hat.

Dann muss man noch die Vermieter beachten, die zwar bereit sind, an Geflüchtete zu vermieten, dafür aber auf dringend notwendige Sanierungen und Renovierungen verzichten, aber keine günstigeren Mieten als in vergleichbaren, renovierten Wohnungen anbieten.
Einige Wohnungsgenossenschaften verweigern Geflüchtete, da ein dreijähriger Aufenthaltstitel keine langfristige Bindung an die Genossenschaft erlaube.

Das alles macht es kompliziert in einer Stadt, in der es so schwierig noch nicht sein sollte. Ich wohnte vorher in Stuttgart, kenne die fast hoffnungslose Suche nach günstigem Wohnraum dort und höre von Geflüchteten, deren Verwandschaft in Stuttgart lebt, dass sie obdachlos und auf Wohnungssuche sind.

Eine weitere Schwierigkeit sind die Vorgaben der Stadt bzw. des Jobcenters. Die Zahlen der angemessenen Kosten für die Unterkunft sind von 2014 und es ist schwer ersichtlich, worauf sie basieren und von wann diese Daten sind. Sie waren 2014 schon zu knapp bemessen und sind es immer noch. Zusätzlich sticht Leipzig dann mit Entscheidungen heraus, bei denen die Miete zwar angemessen, die Größe aber etwas zu groß oder auch deutlich zu klein ist, was den qm-Preis erhöht und auch zu Absagen führt. Nimmt man auch diese kleinen Apartments mit Kühlschrank und zwei Kochplatten aus dem Angebot, wird dieses immer dünner.
Und was es mit Terminen auf sich hat, zu denen mir dann erklärt wird, alle hier durchgeführten Besichtigungen hätten keine Chance, da der Eigentümer mit einer anderen Maklerfirma zusammenarbeite, verstehe ich bis heute nicht wirklich.

Eigentlich muss Wohnraum in allen Stadtteilen auch für ALG-2-Empfänger vorhanden sein. Dem ist nicht so. Ein weiterer Grund, wieso eine Erhöhung der KdU dringend notwendig ist.

Ich versuche, auf die Wünsche und Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Nicht Grünau, ist der Wunsch, den ich am meisten höre. Es sind keine besonderen Ansprüche. "Eine Tür zum Abschließen und wirklich allein sein, mehr nicht. Was immer du findest", sagte mir einmal jemand.
Auch haben viele schon ihre Integrationskurse begonnen und möchten keine 45 Minuten Fahrt pro Strecke haben oder aber haben schon ein Kind in einem Kindergarten und suchen daher etwas in dessen Nähe.
Eine ganze Reihe von Stadtteilen berücksichtige ich in den ersten Wochen der Wohnungssuche gar nicht und versuche erst einmal, den Wünschen nachzukommen. Es hat tatsächlich in den meisten Fällen ganz gut geklappt, auch wenn der Aufwand deutlich höher ist.

Ist dann endlich eine Maklerin bereit, einen Termin zu vereinbaren ohne durchblicken zu lassen, dass sowieso keine Chance bestünde, frage ich schon vorab nach einem Exposé mit allen Angaben, insbesondere der Heizkostenhöhe, die fehlt nämlich meistens, zur Vorlage beim Jobcenter. Dieses lässt sich mindestens zehn Tage Zeit zur Bearbeitung. Ein paar Tage kann es schon dauern, bis es vom Empfang (immer bestätigen lassen, nie den Briefkasten nutzen) zur zuständigen Sachbearbeiterin kommt und wenn diese es dann in die Post gibt, vergehen auch nochmal ein bis drei Tage bis es dann beim Empfänger landet.

Wenn es dann aber von Maklerinnen oder Verwaltungen nur eine Frist von ein (jawohl) oder drei Tagen gibt, ist es fast unmöglich.
Eine Dreitagesfrist konnte ich einmal nur einhalten, weil wir beim Jobcenter zur Vorsprache aufgeschlagen sind, uns nicht haben abwimmeln lassen, von Büro zu Büro neue Nummern gezogen haben und immer weitergereicht wurden, bis wir tatsächlich nach Stunden im Flur des zuständigen Teams standen und mit drei Mitarbeiterinnen 20 Minuten darüber stritten, dass sie einfach keine Zeit für diese Bestätigung hätten. Das Ergebnis war, dass wir einen Tag später, an dem eigentlich geschlossen war, mit Termin tatsächlich die Bestätigung der Angemessenheit abholen durften und die kleine Wohnung in Gohlis dann wirklich auch bekamen.

Da ich das nicht jedes Mal so machen möchte und sowohl dem Druck auf den Wohnungssuchenden als auch dem Stress der Sachbearbeiterinnen entgegenkommen möchte, ist die zeitige Beschaffung des Exposés umso wichtiger.

Das Begleiten zum Jobcenter ist eigentlich unerlässlich und das gilt für alle Menschen, die Termine dort wahrnehmen müssen. Die Weigerung von Mitarbeiterinnen dort, englisch zu sprechen, erschwert die Kommunikation. Besonders ärgerlich ist das, wenn wir erst eine Woche zuvor bei derselben Dame waren und Englisch dort gar kein Problem war. Sie erklärte es mit einer Anweisung, nur deutsch sprechen zu dürfen. Auch wenn Menschen im Empfangsbereich sehen, dass es Verständigungsprobleme gibt und Übersetzung anbieten, wird mit dem Sicherheitsdienst gedroht, wenn sie sich nicht sofort wieder entfernen.

Weitere Aufgaben sind Hilfe beim Ausfüllen und Bereitstellen von Selbstauskünften, Ausweis- und Aufenthaltsunterlagen und das Übersetzen und Erklären von Mietverträgen, Kaution oder Dingen wie  Kündigungsverzicht oder der Vorvermieterbescheinigung, auf die -ebenso wie die Schufa-Auskunft - auch schon bei Geflüchteten bestanden wurde und wir also ein Schreiben der Gemeinschaftsunterkunft vorlegen mussten. Und nicht zu vergessen das Erklären der Mülltrennung, um das die Hausverwaltungen sogar oft mehrmals bitten...

Beim Jobcenter kann die Kaution als Darlehen beantragt werden ebenso eine Erstausstattung für Möbel und Hausrat.

Nach einem abgeschlossenen Mietvertrag geht es eigentlich noch weiter. Die Menschen haben eine Wohnung, aber keine Möbel. Im besten Fall einen Zettel mit Adressen, bei denen sie bei Vorlage des Leipzig-Passes oder ALG-2-Bescheides gebrauchte Möbel kaufen können, wobei ich preiswert da anders definiere und die Nachfrage die Auswahl übertrifft.

Meine letzte Wohnungspatenschaft erlaubte mir, nochmal auf Wohnungssuche für den jungen Mann aus meiner ersten Patenschaft zu gehen, nur diesmal für ihn und seine endlich nachgezogene Familie. Das war besonders, aber auch besonders kompliziert, weil wir nicht nur eine Wohnung finden mussten, sondern auch noch einen Nachmieter und das natürlich zum passenden Zeitpunkt. Ohne die Hilfe des Jugendmigrationsdienstes, wohin mich die Kontaktstelle Wohnen Anfang des Jahres zum Helfen vermittelt hat, hätte das nicht so toll funktioniert.
Aber es hat geklappt, die Wohnung ist bezogen und die letzten zwei Wochen habe ich damit verbracht, Möbel über Kleinanzeigen zusammenzusuchen und zu transportieren. Gestern war der letzte große Transport. Leider währte die Freude nur kurz, denn heute stellte sich heraus, dass das Jobcenter zwar die Kaution in Gänze, aber nur einen (nicht erklärbaren) Teil der Miete gezahlt hat.

Es bleibt also spannend.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen